Nikkô (日光) ist wohl in jedem Japan-Reiseführer erwähnt, und das auch ganz zu Recht. Es gibt sogar ein Sprichwort, das besagt, man soll nie „kekkô“ (genug) sagen, bevor man Nikkô gesehen hat. Dementsprechend freue ich mich ganz besonders auf den Besuch und habe hohe Erwartungen.
Schon im Vorneherein erfahren wir, dass jede Tempelbesichtigung dort teuer ist, und so beißen wir in den sauren Apfel und kaufen einen All-Day-Pass. „しょうがない“(shô ga nai), wie der Osaker sagt, da kann man nichts machen.
Natürlich ist so ein berühmter Ort wie Nikkô touristisch erschlossen, und so ist es recht einfach, mit dem Bus zu den berühmten Tempeln zu gelangen. Wir beginnen mit dem Futarasaan-Tempel, and dem mir besonders die Wunschtäfelchen auffallen:

Wunschtäfelchen am Futarasaan-Tempel
Meine weibliche Intuition sagt mir, dass man hier seine Wünsche in Sachen Liebe und Partnerschaft äußert.
Wir gehen einen Weg entlang, der mit steinernen Laternen gesäumt ist. Leider aber auch mit einer Baustellenplane, denn die ständige Erneuerung historischer Gebäude ist leider nicht sehr ansehnlich.
Wir gelangen zum Toshogu-Schrein, der uns verdeutlichen wird, warum und wofür Nikkô so berühmt ist.
Man steigt eine steinerne Treppe hinauf und geht durch dieses große, steinerne Torii, nur um sofort auf einen Platz zu gelangen, an dem sich fotografierende Schulklassen und Touristengrüppchen sammeln. Zur Linken streckt sich die berühmte Pagode des Schreins in die Höhe, die so fein gearbeitet und farbenprächtig ist wie keine, die ich vorher gesehen habe.
Die ganze Pracht, die sich nun erhebt, war ursprünglich nur höchstrangigen Samurais vorenthalten. Am Eingang zum eigentlichen Schreingelände steht eine dementsprechend abschreckende Wächterfigur:

Diese Wächterfigur soll Eindringlinge abschrecken
Überall um uns herum sehen wir nun prächtige Bauten und Dekorationen. Unübertrieben: So ein Überfluss an Schnörkel, Dekorationselementen, Goldüberzug, ziselierten Detailarbeiten, mythischen Tieren und Symbolen ist höchstens mit den mächtigen Bauten der Renaissance-Zeit zu vergleichen.

Eine Aufnahme der Reliefs in Nikkô
Mir gehen beinahe die Augen über, und ich schaffe es gerade, die berühmtesten Orte zu fotografieren. Wir stehen auf einem Platz mit Gebäuden, die ich geradezu profan nennen möchte: Der Pferdestall zum Beispiel. Unterhalb des Daches des Pferdestalls befindet sich jedoch etwas, das weltweit bekannt ist, nämlich die Abbildung der drei Affen, die „nichts Böses sehen, nichts Böses hören, und nichts Böses sagen“.

die drei berühmten Affen
Sie sind Teil einer Schnitzerei, die zwei Wände des Stalls schmückt. Sie zeigt den Kreislauf des menschlichesn Lebens, mit Affen als Protagonisten: die Geburt, Kindheit und Jugend; das Übernehmen von Verantwortung im Erwachsenenalter, die Heirat, sowie den Tod; dazu die Emotionen dieser Perioden.
Direkt gegenüber ist hoch an einem anderen Gebäude eine Abbildung von zwei Elefanten angebracht, die jedoch etwas beängstigend aussehen.
Der Künstler soll aus seiner Fantasie gearbeitet haben, da es damals schlichtweg keine Elefanten in Japan gab.

ein weiteres Prachtstück der Architektur in Nikkô
Spätestens als wir dieses mächtige Tor durchschreiten, steht mein Entschluss fest, zum ersten Mal in meinem Leben ein Foto-Bildband von einem Ort zu kaufen, an dem ich selber war. Meine Augen sind bereits erschöpft, doch es hört nicht auf, prächtig und eindrucksvoll zu sein.
Ein Höhepunkt ist die Besichtigung der „Treasure Hall“, einer reich ausgestatteten Betstätte. Wir zwei Gaijin setzen uns mit einer großen Gruppe Japaner in der Kniehocke auf den Boden (natürlich haben wir die Schuhe vorher ausgezogen) und eine Shrine Maiden beginnt, uns die Bedeutung des Ortes zu erklären. Ich übersetze gleichzeitig für meinen Bekannten aus dem Japanischen ins Deutsche und bin erstaunt, wie gut das funktioniert. Zum Schluss wird uns detailliert erklärt, wie man die Götter anruft, und wir verbeugen uns alle gemeinsam, klatschen in die Hände und äußern in Gedanken jeder unseren Wunsch. Ein Priester segnet uns, und wir werden von der nächsten Gruppe hinausgedrängt.

ein Blick auf Betende in der Schatzkammer
Durch ein kühles Wäldchen, viele Stufen hinauf, gelangen wir zum Grabmal und Gedenkschrein von Tokugawa Ieyasu, der als Feldherr Japan geeint hat und hier wie eine Gottheit verehrt und angebetet wird.
Auch die 眠り猫 (nemurineko), eine Schnitzerei einer schlafenden Katze, besichtigen wir, doch sie ist so klein, dass wir beinahe daran vorbeilaufen. Komfortablerweise ist direkt unter ihr ein Schild mit einem Pfeil angebracht.

Schnitzerei einer schlafenden Katze
Weiter geht es mit dem Bus bergauf, denn wir wollen uns den Chûzenji-See und den Kegon-Wasserfall anschauen. Der See soll ein schönes Urlaubsziel in den Sommertagen sein, doch unglücklicherweise sind wir immer noch mitten in der Regensaison, sodass es eher regnerisch und neblig ist. Noch nicht einmal den erloschenen Vulkan in der Nähe erblicken wir.

Chuzenji-See
Auf den Weg zum Kegon-Wasserfall begegnen wir einem netten Pärchen – er Kanadier, sie Australierin -, und so setzen wir unsere Besichtigung zu viert fort. Kegon Falls ist tatsächlich beeindruckend, und wir benehmen uns wie japanische Touristen, indem wir aus allen Perspektiven von uns Gruppen- und Einzelfotos schießen lassen.

Kegon-Wasserfälle
Mein Bekannter und ich haben zwar wenig Zeit, bis unser letzter Bus fährt, aber für ein gemeinsames Abendessen recht es allemal. So gibt es also in einem nahegelegenen Restaurant einmal die Karte rauf und runter, unter anderem einen ganzen Tintenfisch(kopf):

Dinner!
Nachdem wir mit unseren beiden neuen Bekannten Mailadressen ausgetauscht haben, fahren wir zurück nach Tokyo. Wir beschließen, den Abend in einem Izakaya ausklingen zu lassen (居酒屋). Das sind Bar-Kneipen, in denen man Bier, Cocktails, japanischen Sake erhält, aber auch dazugehörige kleine Speisen.

"einen trinken gehen", japanische Art
Wir bestellen Sake, essen salzig-gekochte Erbsen aus der Schote, Meerrettich und andere Kleinigkeiten, und gehen dann leicht angetrunken und zufrieden von so viel Japan zurück in unser Kapsel-Backpacker-Hostel.